Jugendliche lernen evaluieren


Alter:

 ab 12 Jahren

Bereich:

 Ethik, Philosophie, Religion

Themen:

 Handeln, Politik, Teilhabe


Hochwertige BildungNachhaltige Städte und Gemeinden

Kinder und Jugendliche haben bisher keine Chance, bei den wichtigen Entscheidungen über ihre Zukunft, mitzureden. Für sie sitzen die Erwachsenen an den Schalthebeln und entscheiden in ihrem Sinne. Alle Umfragen und Kindern und Jugendlichen zeigen aber, dass sie ganz andere Vorstellungen haben. Die Erwachsenen haben ihre eigenen Wünsche im Blick.

Kleiner Exkurs zur Atomkraft

Dieses wunderschöne Bild aus einem Hochglanzprospekt der Atomlobby von 2005 begleitete unser Schulprojekt. Die Broschüre hatte damals eine hohe Auflage.

Es waren die richtigen Argumente für die atom-verliebten Entscheidungsträger:innen.

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Anfang der 1950er-Jahre herrscht atomare Aufbruchstimmung. Im Deutschland des Wiederaufbaus wächst der Energiehunger, gleichzeitig drohen die Kohlevorräte knapp zu werden. Da kommt der Versprechen der friedlichen Kernenergie wie gerufen.

Atomenergie versprach die Lösung aller Energieprobleme, atombetriebene Flugzeuge und Raketen schienen in gar nicht so ferner Zukunft einsatzbereit zu sein. Und der Autobauer Ford stellte 1958 den „Nucleon“ vor, ein Modell, das mit einem Reaktor hinter den Sitzbänken eine Reichweite von bis zu 8000 Kilometern haben sollte – in Serie ging das Auto freilich nie. DLF

„Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.“
Ernst Bloch

Ernst Bloch, Philosoph, beschrieb es in seinem Buch  „Das Prinzip Hoffnung“, erschienen 1959, so:

„Wie die Kettenreaktionen auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie in der blauen Atmosphäre des Friedens aus Wüsten Fruchtland, aus Eis Frühling.“

„Einige hundert Pfund Uranium und Thorium werden ausreichen, um die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.“ DLF

„Diese verfluchte Atomgeschichte hat uns allen den Kopf verdreht.“
Konrad Adenauer

1959 wurde das Deutsche Atomforum gegründet. Hintergrund, so der Historiker Joachim Radkau:

„Der Bau des ersten amerikanischen Kernkraftwerkes Shippingport hatte gezeigt, dass Atomkraftwerke doch sehr viel teurer und unrentabler waren, als man 1955 angenommen hatte, die zweite Genfer Atomkonferenz 1958 hatte im Zeichen allgemeiner Ernüchterung gestanden, auch in der Bundesrepublik begann die Anhängerschaft das so genannten friedlichen Atoms zu bröckeln, damals hat sogar Adenauer geflucht: Diese verfluchte Atomgeschichte hat uns allen den Kopf verdreht.“ DLF

2011: „Restrisiko“ wird wichtig

Die WELT am 08.04.2011

„Das Reaktorunglück von Fukushima hat deutlich gemacht, dass der Betrieb von Kernkraftwerken eine Wette mit besonders hohem Einsatz ist. Auf der einen Seite liefern Kernreaktoren klimafreundlichen Strom zu einem wirtschaftlich attraktiven Preis. Andererseits kann ein Super-GAU à la Fukushima große Regionen eines Landes unbewohnbar machen und bei unzähligen Menschen die Wahrschein-lichkeit deutlich erhöhen, an Krebs zu erkranken.“

„In Fukushima ist erstmals jenes sogenannte Restrisiko zum Tragen gekommen, von dem die Befürworter der Kernenergie bislang gedacht hatten, dass es gleichsam nur eine theoretische Größe sei. Diese Hoffnung ist nun zerstört.“ WELT, 08.04.2011

Die WELT am 27.03.2024

Im Dezember 2023 hatten die Vereinten Nationen auf der 28. Weltklimakonferenz in Dubai  Atomenergie in ihre „globale Bestandsaufnahme“ der schnell auszubauenden Klimaschutztech-nologien aufgenommen. Jetzt wies Versammlungsleiter Rafael Mariano Grossi, Chef der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA), dem Treffen in der belgischen Hauptstadt eine vergleichbare „historische Bedeutung“ zu.

Denn in der „Brüsseler Deklaration“ versprachen sich die Delegationen europäischer, amerikanischer, afrikanischer und asiatischer Staaten gegenseitig Unterstützung beim Ausbau der Atomkraft. Man verwies auf das bereits in Dubai verabredete Ziel, die Nutzung der Kernenergie bis 2050 zu verdreifachen. Den ganzen Nachmittag über tauschten sich die Delegationen vor allem über Finanzierungsfragen aus, es ging nicht mehr um das „Ob“, es ging nur noch um das „Wie“. WELT, 27.03.2024

2011 Schulprojekt „RESTRISIKO“

Wir nahmen diese Katastrophe und die Kehrtwende der Regierung zum Anlasse, mit den Schulen über die Handlungsweise von Erwachsenen zu sprechen. Was sagen sie und was tun sie in Wirklichkeit. Vor allem, wie sieht es bei den Politiker:innen aus?

Wir konnten die Landeszentrale für politische Bildung NRW für dieses spannende Projekt gewinnen. Auch sie überraschten die Ergebnisse des Projektes.

Beteiligte Schulklassen:

Realschule Kerpen – Klassen 6a/b
Albert-Einstein-Realschule Bergheim – Klassen 9a, 9b, 9c

Wir stellen die Geschichte der Atomkraft an den Anfang des Projektes RESTRISIKO, weil damit die Mechanismen deutlich gezeigt werden, die die Handlungen der Erwachsenen bestimmen.

Aber stimmt das alles? Bereits hier beginnt das Projekt RESTRISIKO, in dem es diese Sichtweise kritisch beleuchtet.

Nichts soll sicher sein vor den strengen Augen der Jugendlichen, die nun alles auf den Prüfstand stellen.

Uns ist wichtig, den Jugendlichen nur äußerst sparsame Informationen und Anweisungen zu geben, weil wir den fünf Realschulklassen einen offenen Raum für eigenständiges Arbeiten anbieten wollten.

Wer schon einmal die Kraft von Open-Space-Projekten kennengelernt hat, weiß, dass dies gerade für Jugendliche ein wichtiger Faktor ist.

Entsprechend stand für uns nicht im Vordergrund, dass alle eingebrachten Fakten stimmen. Für die Faktentreue sorgen die Jugendlichen durch die mehrfach abgesicherte Prüfmethode selbst.

Entscheidend ist, dass der Einfluss von uns Erwachsenen auf den Ablauf so gering wie möglich ist. Anders ist das Projekt nicht denkbar.

Schritt 1: Die steile These  

Die Jugendlichen sollen in jeder Arbeitsgruppe mit einer gefühlten Ist-Analyse starten. Dazu erhalten sie keine Hilfsmittel, damit die „steile“ These für ihr Thema wirklich aus dem Bauch heraus formuliert wird.

Schritt 2: Die Recherche  

Nun sollen sie ihre Thesen durch intensive Recherchen überprüfen. Alle Quellen, die ihnen bei ihrer Recherche begegnen, werden in einem Portfolio festgehalten.

Schritt 3: Die abgesicherte These  

Am Ende sind spannende Portfolios mit sehr souveränen Schlussfolgerungen und Lösungsansätzen entstanden.

Sie zitieren Medien und Studien, bewerten sie in der Gruppe und formen daraus eine abgesicherte These.

Schritt 4: Frage nach dem Restrisiko  

Doch damit sollen sich die Schüler*innen nicht zufrieden geben. Sie fragen sich nun, was ihnen die Sicherheit gibt, dass nicht auch sie die Fehler der Erwachsenen wiederholen?

Es entstehen starke Diskussionen und einige Dinge wurden doch noch einmal zurechtgerückt.

Präsentation der Arbeitsergebnisse  

Das ist für alle spannend. Bei unserem Projekt hatte sich in jeder Klasse eine „Drogen“-Gruppe gebildet. Sie hatten jeweils in ihrer „steilen“ These die völlig Legalisierung gefordert. Schon in der Zwischenphase waren Zweifel bei einigen aufgetaucht. Letztlich blieben nur die weichen Drogen übrig, aber auch die verbunden mit einer viel intensiveren Aufklärungskampagne über die Folgen, die sie sehr eindringlich beschrieben.

Das war vielleicht der größte Erfolg dieses Projektes. Aber alle betonten, dass sie wacher gegenüber den Informationen geworden sind, die ihnen so täglich begegnen und öfter nach dem „Restrisiko“ fragen.

Material:

Die Meinungswand

Die Meinungswand zieht sich wie ein roter Faden durch das Projekt. Die Jugendlichen halten in den verschiedenen Stationen auf der langen Papierbahn ihre Vorstellungen und Forderungen fest.

Am Ende der Unterrichtseinheit dient die Meinungswand als Denkzettel für die Schreiben an die Politiker*innen und wird gern auch als Anschauungsmaterial mitgeschickt.
Heute ist diese Funktion gut durch digitale Tafeln zu ersetzen.

Material:
Papierbahn 25 m x 91 cm
Filzschreiber Keilspitze, 3,7 – 5,5 mm

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